Als ich noch neu in Deutschland war, hat mir eine Frau im Heim in der Osloer Straße erzählt, dass sie sich langweilt. Aber jetzt sehe ich, dass ich selbst oft keine Zeit zum Essen habe. So voll ist mein Tag. Ein Protokoll.

Ich frühstücke morgens nicht, weil ich keine Zeit habe.

6:30 Uhr

Ich stehe auf. Ich wohne in der dritten Etage, und wenn ich duschen möchte, muss ich in die erste Etage. Dort muss ich zur Security gehen und fragen, ob ich einen Duschkopf nehmen kann. In den Duschen gibt es keine festen Duschköpfe. Wir haben nur etwa fünf oder sechs Duschköpfe für fast 500 Menschen. Es gibt acht Duschkabinen, vier für Männer und vier für Frauen. Nicht alle funktionieren.

Wenn ich einen Duschkopf bekomme, muss ich einen freien Platz mit Warmwasser suchen. Wenn es einen gibt, dann kann ich duschen. Es dauert immer sehr lange. Ich frühstücke morgens nicht, weil ich keine Zeit habe.

7:25 Uhr

Ich mache mich auf den Weg zu Schule. Um 7:30 Uhr kommt der Bus und ich brauche fünf Minuten bis zur Bushaltestelle. Ich fahre mit dem Bus drei Stationen bis zu S+U-Bahn Lichtenberg, dann vier Stationen mit der U-Bahn bis zum Frankfurter Tor und dann zwei Stationen mit der Tram bis zur Schule.

Meine Schule heißt Jane-Addams-Schule OSZ. Um 8:00 Uhr muss ich in der Klasse sein. Ich mag es immer pünktlich zu sein. Deshalb bin ich schon um 7:51 Uhr in der Klasse. Oft bin ich die Erste. Wir sind fünfzehn Schüler in meiner Klasse, aus Syrien, Irak, Afghanistan und einer aus Ägypten.

Wir lernen den ganzen Tag nur Deutsch. Wir haben eine nette Lehrerin und einen guten Lehrer. Aber manchmal ist es auch langweilig den ganzen Tag nur Deutsch zu lernen. Ich würde gerne auch Mathe, Physik und Biologie lernen. Bei der Lehrerin müssen wir viel Zuhören, aber beim dem Lehrer geht es nicht nur um’s Lernen. Sondern wir lachen auch viel. Deutsch lernen ist schwer für uns, aber er macht es uns einfacher. Er ist für uns wie ein bester Freund.

Fast jeden Tag gibt es Suppe und Salzkartoffeln

13:20 Uhr

Die Schule ist aus. Dann gehe ich mit meinen Freunden bis zur Bushaltestelle. Den Bus nehme ich alleine. Ich fahre zurück zum Heim. Ich esse nicht gerne zu Mittag, weil das Essen im Heim ist immer gleich und nicht lecker ist. Wir dürfen da nicht selbst kochen. Das ist wirklich schwer und langweilig, ein Jahr lang das gleiche Essen zu essen. Fast jeden Tag gibt es Suppe und Salzkartoffeln.

14:30 Uhr

Dreimal in der Woche helfe ich im Büro meines Heims aus. Ich übersetze für Menschen, die Persisch und Russisch sprechen, immer bis sechs Uhr. Dabei geht es um Termine, Gespräche mit dem Sozialarbeiter und andere Probleme. Russisch spreche ich seit fünf Jahren. Persisch ist meine Muttersprache. Übersetzen macht mir Spaß.

18:00 Uhr

Abends gehe ich manchmal mit meiner Mutter spazieren wenn ich Lust habe. Neben unserem Heim gibt es einen Spielplatz und eine ruhige, lange Straße. Wir spazieren bis zum Ende dieser Straße und dann zurück. Wir reden dann über unseren Tag. Meine Mutter lernt auch Deutsch, manchmal im Heim und manchmal in der Volkshochschule. Dann essen wir, meine Mutter und meine drei Bürder, zusammen zu Abend. Es gibt jeden Tag Brot, Butter, Käse und Salat.

20:00 Uhr

Nach dem Abendessen mache ich “Heimaufgaben”, so nenne ich Hausaufgaben. Danach chatte ich mit Freunden, spreche mit meinem Vater und meiner Schwester. Mein Vater ist in Afghanistan und meine Schwester ist mit ihrer Familie in Amerika.

00:00 Uhr

Ich gehe ins Bett, aber ich kann nicht sofort schlafen, obwohl ich bin müde. Ich denke über unser Leben nach. Über meinen Vater, der allein ohne uns lebt. Als wir Afghanistan verlassen haben war mein Vater noch bei uns. Aber wir hatten nicht genug Geld um alle im Iran über die Grenze zu bringen. Deshalb musste er zurück. Ich weiß nicht was er jetzt macht. Vielleicht vermisst er uns sehr. Ich frage mich: Wie wird er zu uns kommen? Kann er kommen oder nicht? Geht es ihm gut? Und wenn er zu uns nach Deutschland kommen wird, was werde ich ihm erzählen? Ich werde ihn so fest umarmen. Ich vermisse ihn. Ich hoffe, dass wenn ich morgen aufstehen werde, das Leben ist wie vor drei Jahren. Und wir alle zusammen sind. Dann mache ich meine Augen zu und schlafe mit diesem Traum.

Foto: Bahara Taheri. Balkon meines Heimes, nach dem Abendessen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *