von Bahara Taheri

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Als Bahara Taheri in Deutschland ankam, dachte sie sie wäre in Dänemark. Was dann folgte war eine Odyssee durch Berlin. Das Lageso geschlossen, ihre Mutter im Krankenhaus, landete sie am Ende auf einer Polizeiwache.

Schmuggler. Als ich klein war, hatte ich immer Angst vor diesem Wort. Mein Onkel musste damals schon aus Afghanistan fliehen. Da habe ich immer wieder von Schmugglern gehört.

Diese Leute kamen in meinen schrecklichsten Träume vor. Von Afghanistan bis nach Deutschland haben wir viele Schmuggler getroffen haben, sie wechselten sich ständig ab. Diese Männer waren unbarmherzig.

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Am 05.07.2015 haben sie uns nach Berlin gebracht. Wir das sind meine Mutter, Zarghona (42), mein Bruder Muhammad (15), mein Bruder Shabir (13), mein Bruder Ahmad (11) und ich. Sie, das waren drei Männer, Schmuggler, die uns in einem großen, weißen Auto nach Deutschland gefahren haben.

Sie haben uns von meinem Vater getrennt, als wir krank waren haben sie gesagt “Khafa Sho – Halt die Klappe!”, wenn wir Hunger und Durst hatten durften wir nichts essen und trinken, um nicht auf die Toilette zu müsssen, niemand durfte uns entdecken, unterwegs hat mein kleiner Bruder Angst bekommen und geweint, sie haben ihn geschlagen und angeschrien.

In Berlin haben sie uns aus dem Auto geworfen. Ich weiß nicht wo das war. Da war viel Wasser, viele Bäume. Sie haben gesagt: “Geht schnell vom Auto weg.” Sie haben uns noch ein kleines Stück Papier gegeben. Darauf stand auf Englisch eine Adresse: Turmstr 21- Danmark.

Wir wussten nicht, dass wir in Berlin sind. Sie sagten uns, dass das hier Dänemark ist und dass wir die Adresse zu Fuß erreichen können. Dann sind sie weg gefahren.

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Dreizehn Uhr

Es war heiß. Ich hatte Hunger. Meine Mutter war krank, sie hatte Migräne und Schmerzen in ihrer Seite. Muhammad hatte Kopfschmerzen und erbrach sich. Shabir und Ahmad hatten vergessen, dass sie essen und trinken wollten. Wir haben fast drei Tage lang nicht genug gegessen nur Kekse und Wasser.

Da standen wir  in einer unbekannten Straße. Alles war ganz neu und anders. Mädchen und Frauen waren ohne Kopftuch und mit kurzen schönen Kleidern unterwegs. Niemand hat den Anderen oder eine Frau gestört. Ich hatte sowas bis dahin nur im Kino gesehen. Ich habe gedacht, wenn Frauen in Afghanistan so angezogen wären, würden die Männer sie anstarren oder sie sogar töten.

Ahmad hat zu einer schöne Wohnung hoch gesehen und gefragt: “Mama, wie kann man so große Häuser bauen?” Aber meine Mutter hat nicht geantwortet.

Wir haben alle, die an uns vorbeikamen seltsam angesehen. Und die haben verwundert zurückgeschaut. Wir haben nicht verstanden, warum wir Blicke auf uns ziehen. Dann sind wir an einem großen Fenster vorbeigekommen, in dem wir uns gespiegelt haben. Da haben wir gesehen, wie wir ausschauen: Schwarze Kleider, beige Hose, Kopftüchern und wir hatten lange nicht geduscht.

Wir kamen nur langsam voran. Nach zwei oder drei Metern mussten wir Pause mache, weil meine Mutter sich setzen musste. Wir konnten die Adresse auf dem Zettel nicht finden.

Ich habe allen denen wir begegnet sind nach dieser Adresse gefragt. Aber sie haben “Dänemark” gelesen, nur gelacht und geantwortet. Meiner Mutter ging es jede Minute schlechter.

Endlich habe ich eine nette Frau und drei Männer angesprochen, die uns verstanden haben und uns zu der Adresse gebracht haben.

Turmstr 21

In der Turmstraße 21 liegt das Landesamt für Gesundheit und Soziales. Aber das wussten wir damals noch nicht. Vor dem Tor saß ein Security-Mitarbeiter. Er sagte: “Es ist Wochenende, das Lageso ist zu.” Unsere vier Freunde waren noch immer bei uns. Sie haben einen afghanischen  Dolmetscher für uns gefunden. Dann haben sie uns erklärt, dass wir nicht in Dänemark sind, sondern in “Berlin, Deutschland”. Als meine Mutter das gehört hat, ist sie zusammengebrochen.

Nach einigen Minuten kam ein Krankenwagen. Die Ärzte haben uns nach der Gesundheitskarte gefragt. Wir hatten keine. Sie sagten, dass sie meine Mutter nicht mitnehmen können. Aber sie gaben ihr eine Spritze und sind gegangen.

Achtzehn Uhr

Die Polizei kommt. Wir hatten Angst. Ahmad weinte und sagte : “Wir haben nichts falsch gemacht”. Die Polizisten waren aber sehr freundlich und sagten, dass sie uns nicht ins Gefängnis bringen möchten, sondern uns einen Schlafplatz organisieren. Das hat uns beruhigt und auch meiner Mutter ging es etwas besser.

Auf der Polizeiwache mussten wir, zusammen mit drei anderen Jungen im Flur warten. Da standen ein paar Stühle. Ein Junge war Afghane und die anderen beiden Araber, glaube ich. Wir haben sehr lange gewartet.

Um einundzwanzig Uhr ist ein iranischer Dolmetscher gekommen und hat uns geholfen Formulare auszufüllen. Dem Jungen, der mit uns gewartet hat, hat er nicht geholfen. Da habe ich versucht ein bisschen für ihn zu übersetzen, weil er kein Persisch konnte.

Die Polizisten haben uns arabische Essen aus einer Moschee gebracht: Reis, Suppe, Joghurt, Brötchen und Datteln. Als wir gegessen haben, hat meine Mutter sich wieder schlechter gefühlt. Sie hatte Probleme beim Atmen. Wir hatten einen schweren Weg und einen schlimmen Tag, aber, als meine Mutter auf dem Boden lag, das waren die schwersten Minuten.

Meine Brüder und ich weinten. Ich bin die Ältestes und musste auf meine Brüder aufpassen und sie beruhigen. Ein Polizist hat dann einen Krankenwagen gerufen. Der Notarzt sagte, dass meine Mutter sofort ins Krankenhaus muss. Wir wollten mitfahren, aber durften nicht.

Muhammad, Shabir und ich haben das verstanden aber Ahmad nicht, weil er noch so klein ist. Er weinte laut und klammerte sich an ihr fest. Es war schwer ihn festzuhalten.

Draußen tobte ein schreckliches Gewitter. Es war stürmisch, blitzte, donnerte und regnete heftig. Wir vier weinten nicht allein. Der Himmel weinte mit uns. Wir waren von Kopf bis Fuß nass, als wir zurück in den Flur der Polizeiwache gegangen sind.

Mitternacht

Mein Bruder Muhammad hatte immer noch Kopfschmerzen, weil er auf dem Boden geschlafen hatte, die Schuhe meiner Mutter als Kissen. Ahmad hat auf Stühlen geschlafen, mit Tränen in den Augen geschlafen. Shabir war wie immer in sich gekehrt. Ich hatte den Kopf meines Bruders im Schoß, bin immer nur kurz eingeschlafen.

Shabir und ich hatten Durst. Wir sind zu einem Beamten gegangen, und haben nach Wasser gefragt. Da war eine Frau, sie hat gesagt: “Geh links da ist eine Toilette und dort gibt’s eine Waschbecken. Da könnt ihr trinken.” Das Wasser war gelb und gechlort. Wir haben unsere Nasen zugehalten und getrunken. Dann kam jemand, um unsere Fingerabdrücke zu nehmen.

Da war eine schwere Tür. Nach der Tür kamen Zimmern mit Gittern an den Fenster, wie ich es aus Gefängnissen im Film kannte. Und da war ein langer Flur. Wir mussten bis zum Ende gehen. Da hatte ich ehrlich Angst.

Mir schoß durch den Kopf: Wenn die Polizei hier so ist wie in Afghanistan und mit etwas antun, dann bin ich allein. Ich kann nichts machen. Da waren nur Männer keine Frau. Ich zitterte vor Angst. Meine Hände waren verschwitzt. Als die Polizisten sahen, dass ich Angst hatte, brachten sie mir Wasser und versuchten mir auf Englisch sagen, dass ich mich nicht fürchten soll. Sie waren wirklich nett, haben meine Fingerbadrücke genommen und dann waren wir fertig. Da habe ich gemerkt, dass deutsche Polizisten nicht so sind wie in meinem Land.

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Um fünf Uhr waren wir endlich in einer Unterkunft. Es war ein großes Haus. Da waren nur Jugendliche. Das kam mir seltsam vor, dass ich niemand mit seinen Eltern gesehen habe. Später habe ich verstanden, dass wir in einem Heim waren, dass nur für Kinder ohne Eltern war. Dort mussten wir auch Formulare ausfüllen, Fotos machten und haben Karten bekommen. Das dauert bis morgens um zehn. Ich war da schon mehr als 24 Stunden auf den Beinen.

Dann erst haben die Heimbetreiber verstanden, dass unsere Eltern nicht gestorben, sondern nur nicht da waren. Man wollte Muhammad und mich in ein anderes Heim für Kinder über 14 Jahre bringen und unsere zwei kleinen Brüder in ein anderes. Aber weil wir uns nicht von Ahmad trennen wollten, durften wir zusammen ein anderes Heim gehen. Es war fast zwei Uhr am Mittag am nächsten Tag, als wir endlich einen Platz zum schlafen hatten.

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