von Bahara Taheri

[Read the English version here]

Jeder wünscht sich das perfekte Traumhaus. Ein schönes, großes Haus mit einem bunten Garten und einem Swimmingpool, großzügigen Räumen, modernen Möbeln und einem Massagesitz. Oder ein Haus am Wasser mit Sauna und einem teuren Auto in der Garage. Oder ein teures Haus im Stadtzentrum. Oder ein Haus in den Bergen mit vielen Tieren.

So habe ich mir das auch immer vorgestellt. Aber heute habe ich diesen Traum nicht mehr. Heute weiß ich, dass mich das alles nicht glücklich machen würde.

Das wirkliche Traumhaus ist das Haus, wo meine Familie mich mit Liebe empfängt. Wo ich mit ihnen in Frieden leben kann. Wo mein Geist und Gewissen zur Ruhe kommen, wo ich keine Angst haben muss.

Juristen helfen Ländern, die krank sind

Es ist mir egal, ob das Haus alt ist und wenige Zimmer hat. Das Wichtigste ist, dass ich nachts in Ruhe schlafen kann, ohne den Gedanken zu haben, dass es vielleicht keinen Morgen für mich gibt.

Vor drei Jahren hatten wir dieses Traumhaus. Meine Familie war glücklich zusammen. Mein Vater war bei uns. Unser Haus und unser Leben waren nicht groß, aber wir hatten unsere Ruhe. Mein Vater und meine Mutter gingen arbeiten, meine drei Brüder und ich lernten. Mein Vater hat als Arzt gearbeitet und meine Mutter war Abteilungsleiterin in der Verwaltung.

Mein Traum war, dass ich die Schule fertig mache und dann studiere. Ich wollte Jura studieren, weil mein Land Juristen braucht. Menschen, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen, die mein Land in eine bessere Richtung lenken. Ich dachte Juristen sind wie Ärzte für ein Land. Ärzte helfen Leuten, die krank sind. Juristen helfen Ländern, die krank sind.

Meine Mutter wurde entführt

Nach der Arbeit und Schule sind wir alle wieder zuhause zusammengekommen. Wir haben zusammen gesessen und erzählt, was wir in den ganzen Tag getan haben. Unser Leben war schön, aber eines Tages hat sich alles geändert.

Ich erinnere mich an diesen Tag, als wir unser Haus verkauft haben. Diesen Tag kann ich nicht vergessen. Wie immer ist meine Mutter auf die Arbeit gegangen. Als sie zurück kam, hatte sie ein Problem. Jemand auf ihrer Arbeit wollte sie dazu zwingen, etwas Illegales zu tun. Als sie sich geweigert hat, wurde sie entführt. Zwei Tage lang wussten wir nicht, wo sie ist.

Wir mussten Hals über Kopf aus Kabul fliehen

Als sie freigelassen wurde, kam sie zu uns. Man hatte sie geschlagen und glaubte, dass sie sich jetzt beugen würde. Das war aber nicht das einzige Problem. In unserer Kultur geht es nicht, dass eine verheiratete Frau einfach zwei Tage lang verschwindet. Die Leute haben über sie geredet. Sie haben schlecht von ihr gedacht. Aber ihre Entführer waren vom Staat, deshalb konnte sie nicht sagen, wo sie gewesen war.

Um sie zu schützen, haben meine Eltern entschieden, dass wir Kabul verlassen. Wir mussten unser Haus innerhalb von einem Tag verkaufen. Alles ging ganz schnell. Wir waren dann noch drei Wochen in einer anderen Stadt, aber auch da waren wir nicht sicher. Denn die Leute vom Staat sind überall.

Heute denke ich, wir haben an diesem Tag nicht unser Haus verkauft, sondern unser Leben.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *