von Tahara Baheri

[Read the English version here]

Unsere Autorin hat diese Woche viel an ihren Vater gedacht, den sie lange nicht gesehen hat. Ein Text über Väter und Töchter.

Als ich sechs war, durften Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht zur Schule gehen. Sie konnten nur religiösen Unterricht in einer Moschee besuchen. Afghanistan war damals noch sehr konservativ. Frauen und Mädchen sollten am besten zu Hause bleiben.

Mein Vater aber wollte, dass wir selber denken. Er hatte selbst in Russland studiert und hoffte auf liberalere Zeiten. Mein Vater ist eigentlich Arzt, aber damals konnte er seinen Beruf nicht ausüben, stattdessen hatte er einen kleinen Buchladen.

In meinen Augen ist mein Vater, der schönste Vater der Welt. Er hat ein bisschen Schnauzbart, eine dunkle Haut und wie mein Bruder und ich honigfarbene Augen und buschige Augenbrauen. Mit dem wenigen Geld, dass er in seinem Buchladen verdiente, hat er für mich und meine Schwester eine Privatlehrerin engagiert. Lernen mussten wir geheim halten.

Unsere Schulbücher haben wir versteckt

Jeden Mittag sind meine Schwester und ich zu Fuß in die Wohnung dieser Lehrerin gegangen. Ich war noch sehr klein. Wir mussten lange Kleider und Kopftuch tragen. Unsere erste Lehrerin war jung und schön. Sie war verheiratet, aber hatte keine Kinder. Ihre Wohnung hat mir gut gefallen, denn in ihrem Schrank standen viele Figuren und Puppen.

Unsere Schulbücher haben wir in Religionsbüchern versteckt. Außer uns kamen noch drei andere Mädchen zu ihr.  Jeden Tag, wenn wir vom Unterricht kame, hat meine Oma mit meinem Vater gestritten. Sie fand es nicht gut, dass er und zum Lernen schickt. “Haram”, hat sie dazu gesagt. Mein Vater hat immer gelacht und nichts gesagt. Mein Vater hat alles dafür getan, damit wir nicht ignorant und unwissend aufwachsen.

Baba bringt Brötchen

Ich habe Lesen gelernt mit Sätzen wie: “B wie Baba” und “Baba bringt Brötchen”. Als wir das gelernt haben, haben wir nicht verstanden, wie schwer mein Vater für die Brötchen arbeiten musste.

Oft kam er erst um sieben Uhr Abends nach Hause. Meine Mutter brachte ihm etwas zu essen, dann wir saßen  zusammen und erzählten was wir den Tag über gemacht hatten. Mein Vater hat jeden Tag von sieben bis zum acht Uhr die Nachrichten angeschaut. Danach sahen wir Serien, die meine Mutter mochte. Aber weil sie immer müde war, ist sie meist nach zehn Minuten an der Schulter meines Vaters eingeschlafen.

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Ich habe meinen Vater das letzte Mal im Winter 2015 gesehen. Ich weiß nicht in welchem Monat. Damals sind wir aus Afghanistan geflohen, aber an der Grenze hatten wir nicht genug Geld um unsere gesamte Familien außer Landes zu bringen. Ich erinnere mich noch heute genau daran, was die Schmuggler damals zu meinem Vater gesagt haben:

ما فقط بخاطر پول كار ميكنيم

“‏Wir arbeiten nur gegen Geld.”

انسانيت به آدم پول نميدهد

‏”Menschlichkeit bezahlt uns nicht.”

عجله كنيد ما وقت نداريم

“Schnell wir haben keine Zeit.”

يا پول يا برگشت

“Geld oder geh zurück.”

Mein Vater hat zu meiner Mutter gesagt: “Weine nicht, weil dann kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.” Er hat uns Kinder umarmt und und gesagt, dass wir immer auf uns und meine Mutter aufpassen müssen. Dass wir zusammen bleiben müssen. Dass wir immer viel lernen sollen und uns daran erinnern, warum wir fliehen mussten. Er hat gesagt, dass wir gute Menschen werden sollen.

Mein Vater hätte mit uns allen zurück gehen können, aber stattdessen ist nur er umgekehrt. Er wollte für uns ein friedliches Leben. Dafür ist er jetzt einsam.

Seit diesem Tag hasse ich das Geld.

——

Heute bin ich 6.656 Kilometer von meinem Vater entfernt.

Ich habe ihn fast achtzehn Monate lang nicht gesehen. Aber ich weiß, dass er gesund ist. Ich weiß, dass er abends in den selben Himmel schaut wie ich. Solange ich weiß, dass er lebt und atmet, solange ich hoffen kann, dass ich ihn eines Tages wieder umarmen , ihm sagen kann wie lieb ich ihn habe ist mir das genug.

 

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