[English version upcoming]

Ich habe viele Heimbewohner gefragt, ob sie mir ein Interview geben können. Aber niemand wollte das. Sie wollen ihre Geschichte nicht in der Zeitung sehen. Deshalb habe ich meinen Bruder Shabir Taheri interviewt. Er wohnt –  wie ich – seit 13 Monaten in Deutschland und kennt sich ein bisschen besser aus, als andere, die erst vor Kurzem gekommen sind. Ich habe ihn gefragt, wann er sich fremd in Deutschland fühlt. Ich selbst fühle mich nämlich manchmal fremd und will wissen, wie es anderen damit geht.

Fühlst du dich fremd in Deutschland? Wenn ja, seit wann und warum?

Obwohl die Deutschen hier sehr nett und freundlich sind, fühle ich mich trotzdem manchmal fremd.

Wann hat das angefangen, dass du dich fremd gefühlt hast?

Das erste mal, als ich mich in Deutschland fremd gefühlt habe war, als ich mit meiner Mutter eine Wohnungsbesichtigung hatte. Wir haben dringend nach einer Wohnung gesucht, weil meine Mutter eine Operation hinter sich hatte und momentan haben wir nur ein Zimmer mit fünf Personen, ohne Badezimmer und ohne Küche. Für meine Mutter war es der größte Wunsch, eine Wohnung zu finden.

Als wir die Wohnungsbesichtigung hatten, fragte uns der Vermieter, ob wir Flüchtlinge sind. Als wir ja gesagt haben, hat er plötzlich sehr unfreundlich mit uns geredet und sich lustig gemacht.Er sagte, dass wir gehen sollen, weil er keine Wohnungen an Flüchtlinge vermietet. Ich wollte am liebsten weinen, aber ich konnte das vor meiner Mutter nicht. Aber nicht alle Deutschen sind so. Die meisten sind freundlich, deshalb fühle ich mich hier sehr wohl und auch nicht immer fremd.

Wann hast du dich nicht fremd gefühlt ?

Als meine Mutter operiert wurde, haben wir uns allein und arm gefühlt. Ich habe darüber nachgedacht, wann meine Mutter aus dem Krankenhaus kommt. Und wie wir danach auf unsere Mutter im Heim aufpassen.

Anmerk: Mein Bruder und ich haben uns Sorgen gemacht, weil die hygienischen Bedingungen im Heim nicht gut sind und es kein gutes Essen gibt, für jemanden der sich von einer OP erholt. 

In dieser Zeit hat die Deutschlehrerin meiner Mutter sich mit uns getroffen. Sie uns gesagt, dass wir nicht allein sein werden, dass sie immer bei uns sein wird, dass sie uns mit Allem, was sie hat, unterstützen wird. Sie hat gesagt, dass wir in ihrer Wohnung wohnen können und meine Mutter dort bleiben kann, bis sie wieder ganz gesund ist. Da habe ich gefühlt, dass Menschlichkeit keine Religion, keine Nationalität, keine Sprache, keine Hautfarbe und keine Identität hat. Man muss nur Gefühle haben.

Was bedeutet “fremd sein” für dich?

Fremd heißt,

  • wenn man sein Heimatland verlassen muss;
  • wenn man alle anderen Kinder mit ihrem Vater sieht und man selbst mit 14 Jahren mit hundert Problemen und Gedanken alleine ist;
  • wenn man von null anfangen muss;
  • wenn man zwei oder mehr Schulklassen, die man in Afghanistan mit guten Noten fertig gemacht hat, in Deutschland wiederholen muss;
  • wenn man sein Heimatland vermisst, aber es nicht besuchen kann.

Ich finde “fremd sein” hat viel damit zu tun, dass ich Dinge machen muss und nicht frei darüber entscheiden kann.

Fühlst du dich fremd, wenn du mit deinen Freunden aus der Schule und vom Fußball Zeit verbringst?

Manchmal ja.

Wann?

Wenn ich falsches Deutsch spreche und alle andere lachen. Wenn sie nach meiner Adresse fragen und ich die Heimadresse nenne und sie dann von mir weg gehen.

Was denkst du, wirst du immer dich fremd fühlen?

Ich denke oft über diese Frage nach. Ich möchte Deutschland kennenlernen. Ich möchte die deutsche Kultur kennenlernen und akzeptieren, und mein Kultur mit Freunden teilen. Ich werde gut lernen und versuchen ein guter Mensch zu sein. Ich werde alles versuchen, um mich nicht fremd zu fühlen.

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